In Kpenkibaga ticken die Uhren anders
Die Entstehung einer Schule in der Falaise von Burkina Faso


Ein Bericht von Claudia Papenhausen und Hannah Fritsch / Mai 2011

Auf dem Hochplateau der Falaise Gobnangou lebt die Volksgruppe der Gulimanceba. Hier gibt es weder Strom, sauberes Wasser, Straßen, die den Namen verdienen, noch für Kinder erreichbare Schulen oder eine annährend ausreichende ärztliche Versorgung, von Autos oder Bussen ganz zu schweigen.

Der 1. Schritt auf dem Weg zur Schule

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Menschen aus dem Dorf Kpenkibaga strömen auf ihren Dorfplatz. Es ist der 4. Mai 2009, ein besonderer Tag. Eingeladen hat der Präsident der regionalen Selbsthilfehilfeorganisation von UNTAANI Dialinli Lompo. Mit dabei sind Papenhausen und ihr Übersetzer. Sie sprechen von einer 3-klassigen Grundschule aus Stein, Schulgarten und einem Brunnen mit sauberem Wasser.

Das alles soll möglich sein, wenn sich die Dorfbewohner am Bau beteiligen, unterstützt von UNTAANI.

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Der Dorfälteste prüft mit dem Elternvertreter und Lompo die genannten Bedingungen. Sind sie erfüllbar? Lange wird beraten. Dann unterschreibt er den Vertrag über die Mitarbeit der Dorfgemeinde. Jubel bricht aus, die Menschen feiern und tanzen voller Freude. Ihre Fröhlichkeit gibt dem Engagement von Papenhausen Flügel. Sie fährt zurück nach Eppstein, voller Tatendrang.



Zweifel müssen ausgeräumt werden.
In Eppstein ist viel Überzeugungskraft für das Vorhaben nötig. Sind die zahlreichen Zweifel an der Durchführbarkeit eines solchen Schulprojektes im tiefsten Busch Westafrikas, fernab aller zivilisatorischen Hilfsmittel, berechtigt? Papenhausen gelingt es zu überzeugen. Innerhalb von 16 Monaten spenden Menschen aus Eppstein und Umgebung über 40.000 €, genug für die Schule. Für den Brunnen gewinnt Papenhausen einen Sponsor. Jetzt kann es losgehen, das große Projekt in einem verlassenen Ort.


Der Brunnen entsteht mitten im Dorf.

Bild "Projekte:Der Brunnen entsteht.JPG"Seit Ende Februar wird gebaut in Kpenkibaga mit seinen 1028 Einwohnern, davon 50 Prozent unter 15 Jahren. Zuerst der Brunnen, daneben ein 12 m langer Wasserkanal, der in einem Wasserbassin endet. Aus ihm können die Schulkinder ihr Gießwasser für den Schulgarten schöpfen. Gleichzeitig sind die ersten 6 Meter öffentlich zugänglich und bieten Tieren eine Tränke. Am 21. Februar 2011 sprudelt das erste Wasser in der Dorfmitte. Ein unglaublicher Luxus in dieser Region!



Die Grundsteinlegung für die neue Schule folgt am 26. Februar.

Sofort starten die Aktivitäten für die Schule mit dem Lehrerhaus und einem überdachten Platz zum Mittagsessen für die Kinder. Im Juli/August beginnt die Regenzeit. Bis dahin sollte die Schule fertig sein.

So ungestüm die Freude der Bevölkerung anfangs war, die Realität ist weitaus beschwerlicher. „Wir kämpfen hier pausenlos mit wechselnden Schwierigkeiten.“ Wir, das sind Papenhausen, seit dem 29.1.2011 vor Ort, Diergou Lompo, der Repräsentant von Lernen dürfen e. V. in Burkina Faso, Lompo von UNTAANI, die Frauen und einige Männer aus dem Dorf.

Wo bleibt die Mitarbeit der Männer?
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Vertraglich zugesagt hat die Gemeinde -  im Mai 2009 – für Sand, Kies, Steine, Wasser und Erde zu sorgen sowie täglich Hilfskräfte für den Bau zu stellen. 153 einsatzfähige Männer gibt es, doch sie lehnen sich eher zurück. Die wenigen Männer, die erscheinen, kommen und gehen, wann sie wollen. Mißmutig arbeiten sie dann mit. Selbst der Dorfälteste, der beinahe täglich auf der Baustelle erscheint, kann da nur wenig ausrichten.


Und die Gründe dafür? Vielleicht ist es der Analphabetismus, der hier besonders ausgeprägt ist. Man kennt keine Schulen, ihre Bedeutung bleibt fremd. Die Frauen des Dorfs sehen das offenbar anders.

Ohne Wasser kann nicht gebaut werden - dafür sorgen die Frauen
Bild "Projekte:Fleißige Frauen bringen das Wasser..jpg"

Seit Baubeginn balancieren sie täglich bis zu 30 Liter Wasser in Aluminiumschalen auf ihrem Kopf und füllen damit ein großes Bassin. Schon bei Tagesanbruch sieht man sie mit ihrer Last über unebenes Ackerland zur Schule hoch laufen, munter miteinander schwätzend, oft mit einem Kleinkind auf dem Rücken.







Weitere Stolpersteine werden zur Last.
Als besonders problematisch erweist sich die Lieferung der Materialien bis zum Bauplatz, da die letzte Wegstrecke von Kilometer zu Kilometer unpassierbarer wird. Drei Laster des bisherigen Lieferanten gehen auf der Strecke zum und vom Dorf kaputt. Der Fahrer der letzten großen Lieferung verweigert sieben Kilometer vor dem Ende die Weiterfahrt. Da braucht es viel Geduld und Überredungskunst. Schließlich willigt der Fahrer ein. Die große Ladung kommt an, kaputt gehen ein Reifen und Batterien.

Unterschiedliches Geschäftsgebaren wirft Probleme auf. Die deutschen Spender erwarten neben Verlässlichkeit und Genauigkeit Verträge. Verträge in Burkina Faso? Selbst in der Hauptstadt Ouagadougou nicht so gängig, in der Provinz äußerst selten. Der erste große Vertrag für die Lieferung von Baumaterialien kommt nach zähen Verhandlungen zustande. Gleichwohl wird die Unterschrift zum Problem. Der Vertragspartner sträubt sich mit Händen und Füßen und scheut die Unterschrift wie der Teufel das Weihwasser. Schließlich gelingt das nach Stunden. Aber gerade in dem Moment, in dem die zweite Lieferung dringend ansteht, platzt der Vertrag. Der Lieferant meldet telefonisch: „Der zugesagte Rabatt gilt nicht mehr. Nach der letzten Lieferung habe ich bemerkt: mein Gewinn ist zu gering. Vertrag hin oder her.“ Ein neuer Lieferant muss in aller Eile gefunden werden, um einen Baustopp zu verhindern.


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Die Buchhaltung in Deutschland verlangt Belege für sämtliche Ausgaben. Doch was tun, wenn man Benzin benötigt, das aus einer Literflasche in den Tank gegossen wird und niemand schreiben kann?








Äußerst anstrengend ist die große Hitze für Papenhausen. Bis zu 60 Grad Celsius. Auch nachts will es nicht abkühlen. Erst gegen Morgen sinken die Temperaturen auf knapp unter 30 Grad. Da könnte sie vielleicht schlafen, doch um fünf Uhr beginnt das Leben in dem Gehöft. Stimmengewirr von Kindern, Gemecker von Ziegen, Getreidestampfen der Frauen und das gleichmäßig schurrende Geräusch des Hoffegens wecken sie viel zu früh. Unerträglich ist die Hitze mittags, wenn auf der Baustelle gearbeitet wird und Papenhausen sich dort aufhält. Sie versucht, Pausen in der Mittagszeit anzuordnen. Unsinnig finden das der Bauleiter und sein Team. „Wir sind es einfach so gewohnt.“ Und arbeiten weiter.

Ende gut - alles gut
All diese größeren und kleineren Schwierigkeiten lassen Papenhausen nicht an der Richtigkeit des Schulbauprojekts zweifeln. Nach beinahe viermonatigem Aufenthalt, meistens in dem Dorf Kpenkibaga, schreibt sie gut gelaunt: „Ich fühle mich weit weg, wie auf einem anderen Stern. Schön ist es auf diesem Stern!“